Noch nicht beantwortet.
Vorbemerkung der Fragesteller
Das jahrzehntelange arbeitsmarkt- und beschäftigungspolitische Versprechen, dass insbesondere ein Hochschulstudium die verlässliche Garantie für überdurchschnittlichen Wohlstand, Krisenfestigkeit und sozialen Aufstieg darstellt, gerät in einen immer schärferen Widerspruch zur Realität auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Während das Handwerk, die Industrie und der Mittelstand unter einem dramatischen Mangel an beruflich qualifizierten Fachkräften leiden und zehntausende betriebliche Ausbildungsplätze unbesetzt bleiben, häufen sich die Anzeichen für eine strukturelle Fehlallokation am Arbeitsmarkt. Junge Hochschulabsolventen sehen sich nach jahrelangem Studium zunehmend mit schwierigen Einstiegsbedingungen, einem Mangel an regulären Einstiegsstellen, Befristungen und überzogenen Erfahrungsanforderungen konfrontiert – verschärft durch den rasanten Vormarsch Künstlicher Intelligenz bei klassischen Einstiegstätigkeiten für Akademiker. Dieser Fehlentwicklung auf dem Arbeitsmarkt ging ein jahrelanger, staatlich forcierter Ausbaukurs voraus: Unter Verweis auf die Studienreihe „Bildung auf einen Blick“ der OECD, die Deutschland regelmäßig eine im internationalen Vergleich unterdurchschnittliche Akademikerquote bescheinigte (vgl. www.deu tschlandfunk.de/bildung-auf-einen-blick-oecd-bildungsstudie-lobt-erhebliche-1 00.html), leiteten Bund und Länder mit dem 2007 geschlossenen Hochschulpakt 2020 eine massive Bildungsexpansion ein. Ziel war es ausdrücklich, zusätzliche Studienplätze für Hunderttausende Studienanfänger zu schaffen (vgl. Gemeinsame Wissenschaftskonferenz, Bericht zum Hochschulpakt 2020, www. gwk-bonn.de/fileadmin/Redaktion/Dokumente/Papers/GWK-Heft-81-Hochsch ulpakt-Abschlussbericht.pdf). Flankiert wurde diese Ausrichtung von amtlichen Darstellungen der Bundesagentur für Arbeit (BA), die den Hochschulabschluss über Jahre als wirksamen Schutz vor Arbeitslosigkeit hervorhob (https://statistik.arbeitsagentur.de/DE/St atischer-Content/Statistiken/Themen-im-Fokus/Berufe/AkademikerInnen/Allge meiner-Teil/1-2-Der-Arbeitsmarkt-fuer-Akademikerinnen-und-Akademike r .html). Neuere Untersuchungen des IAB betonen demgegenüber, dass ein Hochschulstudium keineswegs in jedem Fall das höchste Lebenserwerbseinkommen garantiert (IAB-Kurzbericht 18/2022; vgl. https://doku.iab.de/kurzber/ 2022/kb2022-18.pdf). Kritiker wie der Philosoph Prof. Dr. Julian Nida-Rümelin warnten bereits damals vor einem „Akademisierungswahn“, der die betriebliche Ausbildung schwäche und das Risiko von Fehlqualifikationen und Unterbeschäftigung am Arbeitsmarkt drastisch erhöhe (vgl. www.bpb.de/themen/bildung/dossier-bildu ng/200385/akademisierungswahn-plaedoyer-fuer-eine-umkehr-der-bildungspoli tik/). Heute zeigen sich die arbeitsmarktpolitischen Folgen dieser einseitigen Weichenstellung: Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit (BA) erreichte die Zahl arbeitsloser Akademiker im Jahr 2025 mit jahresdurchschnittlich rund 335 000 Personen einen neuen Höchststand. Während die Arbeitslosigkeit insgesamt im Vorjahresvergleich um 6 Prozent zunahm, stieg die Zahl der arbeitslosen Hochschulabsolventen um 16 Prozent, und die Akademikerarbeitslosenquote kletterte von 2,9 auf 3,3 Prozent (vgl. https://statistik.arbeitsagentur.de/D E/Statischer-Content/Statistiken/Themen-im-Fokus/Berufe/AkademikerInnen/ Allgemeiner-Teil/1-7-Arbeitslosigkeit.html). Gleichzeitig verzeichnete die BA einen spürbaren Nachfrageeinbruch: Im Jahr 2025 wurden lediglich rund 188 000 Stellenzugänge auf Expertenniveau neu gemeldet – ein Rückgang um 8 Prozent gegenüber dem Vorjahr, wobei deutliche Einbrüche in den vormaligen Mangelbereichen der Informatik- und Ingenieurberufe registriert wurden (vgl. https://statistik.arbeitsagentur.de/DE/Statisc her-Content/Statistiken/Themen-im-Fokus/Berufe/AkademikerInnen/Allgemei ner-Teil/1-2-Der-Arbeitsmarkt-fuer-Akademikerinnen-und-Akademiker.html). Ungeachtet dieser Schieflage strömen weiterhin mehr junge Menschen an die Hochschulen als in eine duale Berufsausbildung: Im Studienjahr 2025 nahmen nach vorläufigen Zahlen des Statistischen Bundesamtes rund 491 700 Personen erstmals ein Studium auf (+0,3 Prozent; vgl. www.destatis.de/DE/Presse/Presse mitteilungen/2025/11/PD25_426_21.html), während die Zahl der neu abgeschlossenen Verträge in der dualen Berufsausbildung um 2,8 Prozent auf rund 461.800 sank (vgl. www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2026/04/PD 26_133_212.html). Auch die finanzielle Überlegenheit eines Studiums verringerte sich: Eine Untersuchung des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) vom 30. Juli 2026 stellt zwar fest, dass Akademiker im Durchschnitt weiterhin mehr verdienen als beruflich Qualifizierte, dieser Einkommensvorsprung jedoch seit etwa 2015 rückläufig ist (vgl. www.dzhw.eu/se rvices/meldungen/detail?pm_id=1668). Zieht man den späteren Berufseintritt, Verdienstausfälle während des Studiums, hohe Studienabbruchquoten sowie die hervorragenden Verdienst- und Aufstiegsmöglichkeiten von Meistern, Technikern und Fachwirten in Betracht, relativiert sich der wirtschaftliche Mehrwert vieler akademischer Abschlüsse erheblich. Dass es sich hierbei um ein strukturelles Problem moderner Arbeitsmärkte handelt, verdeutlicht auch der Blick in die Schweiz: Dort stieg die Erwerbslosenquote universitärer Masterabsolventen ein Jahr nach Studienabschluss zwischen 2023 und 2025 von 3,9 auf 6,4 Prozent, und der Schweizer Medianlohn von Fachhochschulabsolventen mit Bachelorabschluss liegt inzwischen über dem von Universitätsabsolventen mit Masterabschluss (vgl. www.n zz.ch/schweiz/der-akademiker-absturz-sie-sind-haeufiger-erwerbslos-als-der-du rchschnittsschweizer-oft-nur-befristet-angestellt-und-das-auch-noch-in-teilzeit-l d.10021278). Vor diesem Hintergrund bedarf es in den Augen der Fragesteller einer Bestandsaufnahme darüber, inwieweit die Arbeitsmarktpolitik der Bundesregierung auf diese Verschiebungen vorbereitet ist und wie einer weiteren Fehlallokation von Arbeitskräften entgegengewirkt werden kann. Da Standardstatistiken der Bundesagentur für Arbeit den Übergang von der Hochschule in den Beruf nur unvollständig abbilden (vgl. https://statistik.arbeitsagentur.de/DE/Sta tischer-Content/Statistiken/Themen-im-Fokus/Berufe/AkademikerInnen/Allge meiner-Teil/Generische-Publikationen/1-9-Akademischer-Nachwuchs.pdf?__bl ob=publicationFile), bitten die Fragesteller die Bundesregierung ausdrücklich darum, neben den Daten der Bundesagentur für Arbeit auch Auswertungen des Statistischen Bundesamtes (unter anderem Mikrozensus, Verdienststrukturerhebung), des IAB, des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) sowie des DZHW heranzuziehen und die Beantwortung nicht unter Verweis auf fehlende eigene Ressorterkenntnisse zu verweigern.
Wie viele Hochschulabsolventen waren seit 2019 arbeitslos gemeldet, und wie hat sich die Akademikerarbeitslosenquote entwickelt (bitte jährliche Zahlen sowie den aktuellen Stand für 2026 ausweisen – jeweils insgesamt sowie für die Altersgruppen unter 25, 25 bis unter 30 sowie 30 bis unter 35 Jahren)?
Wie hat sich die Arbeitslosigkeit bei Personen mit dualer Berufsausbildung sowie mit Meister-, Techniker- oder Fachwirtabschluss seit 2019 im Vergleich zu Hochschulabsolventen entwickelt (bitte jährlich sowie für 2026 nach Arbeitslosenzahl und, soweit verfügbar, Arbeitslosenquote ausweisen, jeweils für die Altersgruppen unter 25, 25 bis unter 30 sowie 30 bis unter 35 Jahren)?
Wie viele sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsaufnahmen von Personen mit akademischem Abschluss unter 30 Jahren wurden seit 2019 registriert (bitte jährlich ausweisen und den Beschäftigungsaufnahmen von Personen mit abgeschlossener dualer Berufsausbildung derselben Altersgruppe gegenüberstellen)?
Wie haben sich nach Kenntnis der Bundesregierung seit 2019 die gemeldeten Stellenzugänge bei der Bundesagentur für Arbeit für Expertentätigkeiten (Anforderungsniveau 4) im Vergleich zu Fachkraft- (Anforderungsniveau 2) beziehungsweise Spezialistentätigkeiten (Anforderungsniveau 3) entwickelt (bitte jährlich sowie für das laufende Jahr 2026 ausweisen und nach Berufsfeldern differenzieren)?
Wie hoch war nach Kenntnis der Bundesregierung seit 2019 jeweils der Anteil der bei der Bundesagentur für Arbeit gemeldeten Stellenangebote, die ausdrücklich mehrjährige Berufserfahrung voraussetzen, im Vergleich zu Einstiegspositionen (bitte jährlich sowie für das laufende Jahr 2026 ausweisen und nach den vier Anforderungsniveaus – Helfer-, Fachkraft-, Spezialisten- sowie Expertenniveau – differenzieren)?
Welche Fächergruppen beziehungsweise Studienfächer weisen nach Kenntnis der Bundesregierung bei Hochschulabsolventen in den ersten fünf Jahren nach Studienabschluss die höchsten Arbeitslosenbeziehungsweise Erwerbslosenquoten auf, und wie haben sich diese Quoten seit 2019 entwickelt (bitte nach Datenquellen wie Mikrozensus oder DZHW-Absolventenstudien aufschlüsseln; hilfsweise nach Berufsgruppen)?
Welche Erkenntnisse liegen der Bundesregierung über die durchschnittliche Dauer zwischen dem Studienabschluss und der Aufnahme der ersten regulären sozialversicherungspflichtigen Erwerbstätigkeit vor (bitte für die Abschlussjahrgänge seit 2015 nach Hochschulart sowie Bachelor- und Masterabschluss differenzieren), und wie stellt sich diese Übergangsdauer im Vergleich zu Absolventen einer dualen Berufsausbildung dar?
Wie hoch waren nach Kenntnis der Bundesregierung seit 2019 die Anteile befristeter Beschäftigung, von Teilzeitbeschäftigung sowie von ausbildungsinadäquater Beschäftigung (Beschäftigung unterhalb des erworbenen Qualifikationsniveaus) beim Berufseinstieg von Hochschulabsolventen im Vergleich zu Absolventen einer dualen Berufsausbildung (jeweils in den ersten fünf Jahren nach Abschluss)?
Wie hat sich der Einkommensabstand zwischen vollzeitbeschäftigten Personen mit Hochschulabschluss und Personen mit abgeschlossener dualer Berufsausbildung seit 2015 entwickelt (bitte anhand der Medianbruttomonatsentgelte der Beschäftigungsstatistik der Bundesagentur für Arbeit für die Altersgruppen unter 30, 30 bis unter 40 und 40 bis unter 50 Jahren ausweisen, differenziert nach beruflicher Ausbildung, Meister/Techniker/ Fachwirt sowie akademischem Abschluss)?
Welche Erkenntnisse liegen der Bundesregierung zum Lebenserwerbseinkommen und zu den Bildungsrenditen von Akademikern im Vergleich zu Personen mit dualer Ausbildung und Aufstiegsfortbildung vor (unter Berücksichtigung von Ausbildungs- und Studienzeiten, Erwerbsunterbrechungen und Studienabbruch), und hat sich die Bundesregierung vor diesem Hintergrund eine eigene Auffassung zur Entwicklung des Einkommensabstands zwischen akademischer und beruflicher Bildung erarbeitet (wie lautet diese gegebenenfalls)?
Wie haben sich seit 2015 die Studienabbruchquoten an deutschen Hochschulen sowie die Zahl der neu abgeschlossenen dualen Ausbildungsverträge entwickelt, und welche Erkenntnisse liegen der Bundesregierung über den Wechsel von Studienabbrechern in eine duale Berufsausbildung vor?
Auf welche empirischen Ursachen führt die Bundesregierung gegebenenfalls den jüngsten Anstieg der Akademikerarbeitslosigkeit und die veränderte Arbeitskräftenachfrage zurück (bitte insbesondere zur konjunkturellen und industriellen Entwicklung, zum Einfluss Künstlicher Intelligenz auf Einstiegspositionen, zu veränderten Einstellungsanforderungen der Betriebe sowie zu Absolventenüberhängen in einzelnen Fachrichtungen Stellung nehmen)?
Sieht die Bundesregierung Anzeichen für ein strukturelles Missverhältnis zwischen der Zahl akademischer und beruflich qualifizierter Arbeitskräfte zulasten der Fachkräftesicherung?
Welche konkreten arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen (insbesondere im Rahmen der Fachkräftestrategie der Bundesregierung, der Arbeitsförderung nach dem Dritten Buch Sozialgesetzbuch – SGB III – sowie der Berufsberatung und Ausbildungsvermittlung der Bundesagentur für Arbeit) plant oder ergreift die Bundesregierung gegebenenfalls, um die duale Berufsausbildung zu stärken?