Versorgungssicherheit mit Flugzeugkraftstoff und alternativen Kraftstoffen in Deutschland

Drucksache 21/7342Antwortauf die Kleine Anfrage 21/685916.07.202612 Seiten17 FragenFraktion der AfDBundesministerium für Wirtschaft und EnergieEnergieVerkehr1 Anlage als PDF
Vorbemerkung der Fragesteller

Vorbemerkung der Fragesteller

Medienberichte über mögliche Engpässe bei Flugturbinenkraftstoff in Europa sowie die Freigabe von Vorräten durch die Sechste Verordnung über die Freigabe von Vorräten des Erdölbevorratungsverbandes (6. ErdölFrV) werfen bei den Fragestellern Fragen zur Versorgungssicherheit des Luftverkehrs in Deutschland auf (www.n-tv.de/wirtschaft/IEA-Chef-Europa-hat-noch-Kerosi n-fuer-etwa-sechs-Wochen-id30721467.html). Zugleich stellen sich ihnen Fragen nach der Reichweite bestehender Reserven, nach möglichen Auswirkungen auf den Sommerreiseverkehr 2026 sowie nach dem Stand von Forschung, Markthochlauf und Infrastruktur bei alternativen Flugkraftstoffen und Antriebssystemen. Vor diesem Hintergrund besteht bei den Fragestellern Klärungsbedarf hinsichtlich der aktuellen Lage, der Vorsorgemechanismen des Bundes und der mittel- bis langfristigen Strategie der Bundesregierung.

Frage 1 Seite 1

Wie bewertet die Bundesregierung die gegenwärtige Versorgungssicherheit mit Flugturbinenkraftstoff (Jet A‑1) für den zivilen Luftverkehr in Deutschland?

Antwort

Die Produktion von Flugtreibstoffen im Inland war und ist sichergestellt; derzeit bestehen keine Defizite bei den Zulieferungen aus dem Ausland, von daher wird die Versorgungssicherheit insgesamt als gewährleistet angesehen.

Frage 2 + 3 Seite 1

2Welche Mengen an Flugturbinenkraftstoff werden gegenwärtig im Rahmen der strategischen Erdölbevorratung in Deutschland gehalten, und für wie viele Tage des durchschnittlichen Verbrauchs würden diese Bestände nach Kenntnis der Bundesregierung ausreichen?

3Welche Kenntnisse hat die Bundesregierung über die gegenwärtigen kommerziellen Bestände an Flugturbinenkraftstoff in Deutschland, insbesondere an Flughäfen, Tanklagern und Raffineriestandorten?

Antwort

Hierzu liegen der Bundesregierung keine belastbaren Daten vor.

Frage 4 Seite 2

Welche Veränderungen der Importstruktur, der Liefermengen oder der Lieferzeiten bei Flugturbinenkraftstoff hat die Bundesregierung seit dem 1. Januar 2026 festgestellt?

Antwort

In dem genannten Zeitraum war eine Zunahme von Lieferungen vor allem aus den USA sowie aus Nigeria zu konstatieren.

Frage 5 Seite 2

Welche Erwägungen lagen dem Erlass der 6. ErdölFrV zugrunde, insbesondere in Bezug auf die Freigabe von Flugturbinenkraftstoff (Jet A‑1)?

Antwort

Die Internationale Energieagentur legte am 11. März 2026 seinen Mitgliedstaaten einen Initial Response Plan zur Freigabe von Ölreserven der IEA-Mitgliedstaaten im Rahmen einer s. g. Collective Action vor. Mit dem Erlass der Sechsten Verordnung über die Freigabe von Vorräten des Erdölbevorratungsverbandes (6. ErdölFrV) beteiligte sich die Bundesrepublik Deutschland an dieser Aktion und zeigte Solidarität mit den Mitgliedstaaten.

Frage 6 Seite 2

Welche Auswirkungen hat die in der 6. ErdölFrV vorgesehene Freigabe von Flugturbinenkraftstoff nach Einschätzung der Bundesregierung auf die Reichweite der Vorräte und die Stabilisierung der Versorgungslage in Deutschland?

Antwort

Es wird auf die Antwort zu Frage 2 verwiesen. Darüber hinaus ergeben sich in Addition der Industrievorräte etwa 1,5 bis 2 Versorgungsmonate. In Kombination mit weiterhin verfügbaren, wenn auch eingeschränkten Kerosinimporten sowie der 50 Prozent Eigenerzeugung ergäbe sich rechnerisch eine Verlängerung der Versorgungszeit von theoretisch bis zu 5 Monaten.

Frage 7 Seite 2

Welche Kriterien legt die Bundesregierung ihrer Entscheidung zugrunde, ob die 6. ErdölFrV über den 31. August 2026 hinaus verlängert, angepasst oder durch weitere Maßnahmen ergänzt werden soll?

Antwort

Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWE) prüft derzeit die aktuelle Versorgungssituation unter besonderer Berücksichtigung der sich ändernden geopolitischen Situation.

Frage 8 Seite 3

Welche Abstimmungen haben seit Inkrafttreten der 6. ErdölFrV zwischen Bundesregierung, Erdölbevorratungsverband, Bundesnetzagentur, Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA), Mineralölwirtschaft, Flughäfen und Luftverkehrswirtschaft zur Sicherung der Versorgung mit Flugturbinenkraftstoff stattgefunden?

Antwort

In Deutschland arbeitet in einer Ölkrise die Deutsche NESO (National Emergency Strategy Organization). Hier werden die Behörden, Institutionen und Unternehmen, die im Falle von Ölkrisen aktiv an ihrer Bewertung, der Entscheidung über Reaktionsmaßnahmen sowie deren Umsetzung mitwirken, zusammengefasst. Im Rahmen der NESO ist insbesondere der Krisenversorgungsrat das entscheidende Beratungsgremium für das BMWE zur Krisenbewältigung, hier vor allem zu Art und Umfang der Freigabe von Vorräten und Empfehlungen zu verbrauchseinschränkenden Maßnahmen.

Darüber hinaus hat es unter gemeinsamer Federführung des Bundesministeriums für Verkehr (BMV) und des BMWE am 20. April 2026 einen „Round Table Flugtreibstoffe“ mit Vertretern der Luftverkehrsunternehmen und der Mineralölbranche gegeben.

Frage 9 Seite 3

Welche Maßnahmen der Krisenvorsorge bestehen in Deutschland speziell für den Fall von Versorgungsausfällen oder erheblichen Engpässen bei Flugturbinenkraftstoff?

Antwort

Die Krisenvorsorge in Deutschland ist hinsichtlich der Treibstoffversorgung wie folgt wirksam: auf nationaler Ebene erfolgt die Bevorratung der neunzigtägigen Reserve u. a. von Flugturbinenkraftstoff Jet A‑1 über das Instrument des Erdölbevorratungsgesetzes durch den Erdölbevorratungsverband. Im Falle einer Gefährdung oder Störung der Energieversorgung, welche durch marktgerechte Maßnahmen nicht, nicht rechtzeitig oder nur mit unverhältnismäßigen Mitteln zu beheben ist, gibt das Energiesicherungsgesetz der Bundesregierung das Recht, per Verordnung in den Markt einzugreifen.

Frage 10 Seite 3

Welche Lageeinschätzung hat die Bundesregierung für den Luftverkehr in Deutschland im Sommer 2026, insbesondere in Bezug auf Ferien- und Urlaubsflüge ab deutschen Flughäfen?

Antwort

Die Bundesregierung geht davon aus, dass der Sommerreiseverkehr 2026 ohne Beeinträchtigungen bei der Kerosinversorgung stattfindet.

Frage 11 Seite 3

Welche Informationen liegen der Bundesregierung gegebenenfalls zu möglichen Flugstreichungen, Kapazitätskürzungen oder Preissteigerungen infolge erhöhter Beschaffungskosten oder physischer Engpässe bei Flugturbinenkraftstoff vor?

Antwort

Hierzu liegen der Bundesregierung keine Informationen vor.

Frage 12 Seite 4

Wie bewertet die Bundesregierung den gegenwärtigen Stand des Markthochlaufs synthetischer Flugkraftstoffe in Deutschland?

Antwort

Mit Blick auf die begrenzte Verfügbarkeit von Biomasse liegt für die Dekarbonisierung des Luftverkehrs langfristig der Schwerpunkt auf strombasierten erneuerbaren Flugkraftstoffen (E-Sustainable Aviation Fuels, eSAF). Mit der Luftfahrtstrategie (www.bundeswirtschaftsministerium.de/Redaktion/DE/Publi kationen/Technologie/luftfahrtstrategie.pdf?__blob=publicationFile&v=2) hat sich die Bundesregierung umfassend zum Markthochlauf von eSAF bekannt. Die Bundesregierung will eine Vorreiterrolle Deutschlands bei der Entwicklung und Produktion von eSAF anreizen. Dies stärkt auch den Technologiestandort Deutschland und schafft neue Wachstumschancen für die Kraftstoffindustrie und den Anlagenbau, um auch moderne Produktionstechnologien zu exportieren. Hierzu führt die Bundesregierung Forschungsergebnisse, Produktionskapazitäten und Infrastrukturentwicklung zusammen und bringt sie schnell in die Anwendung.

Frage 13 Seite 4

Welche Produktionskapazitäten für synthetische Flugkraftstoffe bestehen in Deutschland derzeit, welche befinden sich nach Kenntnis der Bundesregierung im Bau, und welche weiteren Kapazitäten sind bis 2030 geplant (bitte nach Standort, Technologiepfad, geplanter Jahreskapazität und voraussichtlichem Inbetriebnahmejahr aufschlüsseln)?

Antwort

Mit dem SAF-Monitor (https://erneuerbarekraftstoffe.de/saf-monitor/) bietet die Bundesregierung eine detaillierte öffentlich zugängliche Datenbank der geplanten, im Bau befindlichen und produzierenden Erzeugungsanlagen von SAF.

Tabelle auf Seite 5 · 15 Zeilen × 4 Spalten
Projekt/EinrichtungGeplante Jahreskapazi tätvoraussichtliches Inbetriebnahmej ahrStandort
Leuna1,381 (est.)2027Chemiepark Leuna,
Brandenburg28,0002030Brandenburg
Frankfurt1,0002025Industriepark Höchst, 65926 Frankfurt am Main
Lausitz7,500N/ACottbus, Brandenburg
Brandenburg eSAF, Schwedt30,0002030PCK industrial site, Schwedt/Oder
Leuna200,0002030Leuna Chemical Complex, Leuna
Werlte4002021Werlte e-fuel plant, Werlte
Böhlen50,0002027Böhlen- Lippendorf industrial park
Jülich1002024Brainergy Park Jülich, Jülich
FreiburgN/A2028Heidenhofstra ße 2, 79110 Freiburg
Schönhagen300N/ASchönhagen Airfield, Trebbin (Schönhagen)
Karlsruhe2,763 (est.)N/AKIT, Karlsruhe
Frankfurt am Main5002026Industriepark Höchst, 65926 Frankfurt am Main
Frankfurt am Main - Expansion80,0002030Industriepark Höchst, 65926 Frankfurt am Main
Düsseldorf2502028Düsseldorf
Frage 14 Seite 6

Welche Forschungs- und Entwicklungsprojekte des Bundes zu synthetischen Flugkraftstoffen, wasserstoffbasierten Flugzeugantrieben, batterieelektrischen Flugzeugen oder hybridelektrischen Flugzeugen wurden seit dem 1. Januar 2022 gegebenenfalls bewilligt oder gefördert (bitte nach Projekt, Zuwendungsempfänger, Fördervolumen, Laufzeit und zuständigem Ressort aufschlüsseln)?

Antwort

Eine Übersicht zu den genannten Forschungs- und Entwicklungsprojekten des Bundes ist als Anlage* beigefügt. Hinsichtlich synthetischer Flugkraftstoffe wird zusätzlich auf die Antwort zu Frage 13 verwiesen.

AnlageAnlage: BMWE – FuE-Projekte zu wasserstoffbasierten und batterieelektrischen Flugzeugantrieben

PDF-Seiten 8–11 (4 Seiten) · im Originalformat beigefügt, nicht in Tabellen übernommen

Frage 15 Seite 6

Wie bewertet die Bundesregierung den gegenwärtigen technologischen und wirtschaftlichen Reifegrad alternativer Flugkraftstoffe und Antriebssysteme für den Einsatz im Luftverkehr?

Antwort

Die Verwendung alternativer Kraftstoffe ist derzeit immer noch teurer als die Verwendung herkömmlicher Kraftstoffe, weshalb der Einsatz über die europäische ReFuelEU Aviation Verordnung mittels Beimischungsquoten angereizt wird. Mittel- bis langfristig ist sowohl biogenes als auch strombasiertes SAF nötig, um den Bedarf an nachhaltigen Flugkraftstoffen zu decken. Um den Markthochlauf strombasierter Flugkraftstoffe zu unterstützen, plant das BMV die Förderung über einen Doppelauktionsmechanismus mit einem Fördervolumen von bis zu 2 Mrd. Euro.

Frage 16 Seite 6

Wie bewertet die Bundesregierung das Verhältnis zwischen kurzfristiger Versorgungssicherheit des Luftverkehrs und dem mittel- bis langfristigen Ziel der Dekarbonisierung durch synthetische Flugkraftstoffe und alternative Antriebssysteme?

Antwort

Moderne, heute in Dienst gestellte Flugzeuge bleiben mindestens 20 Jahre in Betrieb. Somit ist vor allem der Luftverkehr auf der Langstrecke auch in Zukunft auf flüssige Kraftstoffe angewiesen. Der Einsatz von SAF ist der bedeutendste Baustein der Transformation zum CO -neutralen Luftverkehr. Die Bun-2 desregierung steht fest hinter diesem Ansatz und setzt sich daher für den Hochlauf der SAF-Produktion im industriellen Maßstab ein. Eine größere Verfügbarkeit stärkt langfristig auch die Versorgungssicherheit Deutschlands.

Frage 17 Seite 6

Welche Strategie verfolgt die Bundesregierung gegebenenfalls, um die Abhängigkeit Deutschlands von geopolitisch besonders verwundbaren Importwegen für Flugturbinenkraftstoff und dessen Vorprodukte zu verringern?

Antwort

Die Mineralölwirtschaft ist marktwirtschaftlich organisiert. Das umfasst u. a. die Produktion, Verarbeitung und die Logistik/Transport. Die Bundesregierung hat darauf keinen Einfluss. Sie wird sich allerdings dort wo möglich für eine weitere Diversifizierung auch von Lieferwegen einsetzen.

Frage 18 Seite 7

Welche Schlussfolgerungen zieht die Bundesregierung aus der aktuellen Versorgungslage für die künftige Ausgestaltung der Luftverkehrs-, Energieversorgungs- und Forschungsstrategie des Bundes?

Antwort

Die neue Luftfahrtstrategie der Bundesregierung ist im Lichte der Krise im Nahen Osten entstanden und behandelt die Resilienz des Luftfahrtstandortes Deutschland als ein wesentliches Ziel der künftigen Luftfahrtpolitik.